Epigenetik – der Schlüssel zum Wissen über den Menschen?

Bri | Allerlei | Sonntag, 22 Februar 2009
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Bereits Aristoteles glaubte an die Epigenese, der Entwicklung individueller organischer Formen aus formloser Substanz. Wie und warum, da tappten die alten Griechen noch ziemlich im Dunklen, daran änderte auch die Entwicklung des Mikroskops im 17. Jahrhundert nur wenig. Zwar wurden neue Forschungsmöglichkeiten geschaffen, die allerdings äußerst uneinheitliche Ergebnisse lieferten. In den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts entdeckte Gregor Mendel grundlegende Gesetzmäßigkeiten bei der Verteilung von Erbanlagen auf die Nachkommen. Ungefähr zeitgleich kam die Evolutionstheorie Darwins auf und Friedrich Miescher entdeckte die DNA in einem Extrakt aus Eiterzellen, die er „Nuclein“ nannte. Im frühen 20. Jahrhundert stellte dann Thomas Hunt Morgan fest, dass es auch Merkmale gibt, die meist zusammen vererbt werden. Mittlerweile wissen wir, dass das Polymer DNA die genetische Information trägt und wie diese weitergegeben wird. Das Poly-U-Experiment von Matthaei und Nirenberg am 15. Mai 1961 wird allgemein als der Meilenstein in der Erforschung der genetischen Codes genannt.

Das enorme Interesse an genetischer Forschung liegt darin begründet, dass die Menschheit gesunde Nachkommen produzieren soll. Gesunde Nachkommen, das heißt brauchbare Arbeitskräfte, möglicherweise auch tapfere Soldaten. Der angenehme Nebeneffekt: Gesunde Menschen fallen dem Staat nicht allzu sehr zur Last. Dafür wird schon einiges in Kauf genommen. Genetische Untersuchungen sind in der Lage, die Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, mit der wir irgendwann im Laufe des Lebens an einer bestimmten Krankheit leiden werden. Die vorsorgliche Brustamputation bei einer Frau, in deren Familie Fälle von Brustkrebs gehäuft auftreten, ist eine jener absurden Auswirkungen des medizinischen Fortschritts, denen wir immer wieder begegnen und die ethische Debatten weltweit anheizen.
Der Begriff „genetische Verantwortung“ wird hält Einzug in die Arztpraxen. Das „Recht auf ein gesundes Kind“ wird Teil eines breit angelegten Diskurses.

Dabei ist überhaupt ist noch gar nicht so klar, wie alles funktioniert. Bereits 1942 verwendete Conrad Hal Waddington den Begriff Epigenetik für seine Theorie, dass auch Umweltbedingungen einen Einfluss auf den Vererbungsmechanismus ausüben könnten. Liegt also doch nicht alles in unseren Genen?

Der Unterschied zwischen Genetik und Epigenetik kann verglichen werden mit dem Unterschied zwischen dem Schreiben und dem Lesen eines Buches. Die Gene sind der fertige Text, jedoch jeder Leser wird diesen Text auf unterschiedliche Weise interpretieren. Die Frage ist: Inwiefern wirken sich Umwelteinflüsse auf die genetische Determination aus bzw. was ist für die Entwicklung und das persönliche Profil eines Lebewesens maßgeblich?

Epigenetiker versuchen, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Das menschliche Genom mit rund 30.000 Genen ist nicht einfach ein Orchester, in dem alle gleich laut spielen. Manche Gene spielen leiser, manche lauter, manche werden überhaupt zum Schweigen gebracht. Umwelt und Ernährung stehen in Verdacht, die Lautstärkenregler zu sein. Noch gibt es keine schlüssigen Antworten.

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