Von Fremden, Freunden und sonstigen Beziehungskisten

Bri | Allerlei | Freitag, 24 Oktober 2008
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Freundschaft

Eine Begegnung mit einem Menschen ist wie eine Reise in eine unbekannte Welt. Wer ist er? Wie denkt er? Was ist er für mich? Langsam tasten wir uns heran. Behutsam loten wir aus, ob die unbekannte Welt freundlich oder feindlich ist.

Tausend Begegnungen später haben wir uns ein Bild gemacht. Da waren Momente der Übereinstimmung, sogar der wortlosen Übereinstimmung. Da waren aber auch Momente, in denen der Freund uns fremd war, unbegreiflich, fern. Oft ergibt sich eine räumliche Distanz, die zu überwinden kein Hindernis darstellt; manchmal reicht die Zeit nicht aus, mit dem Nachbarn Kontakt zu halten. „Wir sollten wieder einmal einen Kaffee trinken“, sagen wir und wissen ganz genau, dass es nicht dazu kommen wird.

Freundschaften zu pflegen, Zeit zu investieren, Toleranz zu üben, das Schöne am und im Gegenüber sehen – wie häufig sind wir dabei nachlässig. Zu selbstverständlich nehmen wir, dass er (oder sie) einfach da ist. Gut, da ist der Job, vielleicht auch Familie, der Alltagsstress, kleinere und größere Probleme. Aber überlegen wir doch einmal: Wann haben wir das letzte Mal so richtig herzlich gelacht? Wann haben wir das letzte Mal in einem guten Gespräch mit einem interessanten Menschen die Zeit ignoriert? Wer hat uns Mut gemacht, wenn wir traurig waren?

Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Ansichten über Religion, Politik oder die neue Herbstmode. Ein Freund ist der, bei dem das keine Rolle spielt. Bei dem wir laut denken dürfen. Bei dem wir ganz wir selbst sein dürfen. Ein Freund ist der, bei dem es egal ist, ob man sich zwei Tage oder zwei Jahre nicht gesehen hat, weil man nach der Begrüßungsformel dort weiter macht, wo man aufgehört hat. Oder, wie ich es gestern im Vorübergehen aufgeschnappt habe: „Wir haben schon die Schulbank zusammen gedrückt, aber dann waren wir lange Jahre getrennt. Und dennoch – ganz aus den Augen verloren haben wir uns nie.“

Was macht den Unterschied zwischen einer vielleicht angenehmen Bekanntschaft, einer Freundschaft und einer Beziehung, die – im glücklichsten Fall – vielleicht ein Leben lang Bestand hat. Und wo ist da der berühmte One-Night-Stand, der schließlich auch ab und zu „passiert“, einzuordnen? Gibt es eine Freundschaft zwischen Mann und Frau, die nicht irgendwann einmal, in einer „schwachen Stunde“, im Bett endet?

Beziehungskiste

Haben wir nicht alle manches Mal das Gefühl, dass wir einseitige Freundschaften pflegen? „Warum ruft A. mich nie an?“, fragte neulich B. „Dabei führen wir sehr lange, sehr erfreuliche Gespräche. Aber immer bin ich es, die die Initiative ergreifen muss!“ Vielleicht denkt A. einfach nicht darüber nach, dass Freundschaft eine gelungene Mischung aus Geben und Nehmen ist, bei der nicht mit der Goldwaage gemessen wird. Und vielleicht ist A. nicht bewusst, wie oft B. schon daran gedacht hat, nicht mehr anzurufen. Würde A. die Gespräche vermissen?

Bis dass der Tod euch scheidet – das Eheversprechen wird oft so leicht gegeben wie es wieder gebrochen wird. Es gibt Sandkastenfreundschaften, die bis ins hohe Alter halten. Immer seltener leider. Wie wichtig tiefe, ehrliche soziale Kontakte sind, wird meist erst bewusst, wenn sie weggebrochen sind. Wenn man plötzlich alleine ist und niemanden hat, mit dem man sein Leid und – was fast noch trauriger ist – seine Freude teilen kann. „Das Schlimmste am Alter ist, dass einem nach und nach die Familie und die Freunde abhanden kommen“, stellte kürzlich eine Neunzigjährige fest. Jetzt hat sie sich eine Katze zugelegt.

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