Hanna und das Flirt-Gen

Hanna | Hannas Welt | Montag, 13 Juli 2009
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Im Allgemeinen sagt man Frauen die Fähigkeit nach, in einem Raum voller Menschen auf einen Blick feststellen zu können, wer für wen mehr oder weniger Sympathien hegt, wer wen absolut nicht ausstehen kann, obwohl er/sie jede Anstrengung unternimmt, die Abneigung nicht offen zu zeigen. Frauen wird auch nachgesagt, Seitensprüngen oder heimlichen Beziehungen viel eher auf die Spur zu kommen, als dies bei Männern der Fall ist. Ich persönlich halte das für eines von den vielen Klischees, mit denen man die Geschlechterdichotomie aufrecht erhalten will. Ich kenne einen Mann, der Weltmeister im Aufspüren und Analysieren von Beziehungen ist – vorausgesetzt, es geht nicht um seine eigenen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auch Frauen passen oft nicht in dieses Schema. Nehmen wir zum Beispiel G. Ihr Mann J. flirtet heftig und ungeniert mit der Besitzerin eines Chinarestaurants. Die junge, hübsche Chinesin hat sich unserer westeuropäischen Kultur offenbar schon bestens angepasst und geht auf das Geplänkel ein. Das ist gut fürs Geschäft, denn J. aalt sich in seinem „Erfolg“ und frequentiert das Lokal regelmäßig. Seine Gattin G. scheint die tiefen Blicke, die zufälligen Berührungen, nicht zu bemerken. F., die liebe alte Dame mit dem noch immer wachen Blick, fragte mich neulich unter vier Augen: „Hanna, sag glaubst du, haben die beiden was miteinander?“ Ich weiß, dass sie G. sehr gerne mag, während ihr J. – nicht zuletzt gerade wegen dieses Benehmens – zusehends unsympathischer wird. „Woher nimmt er die Chuzpe zu glauben, dass alle Frauen auf ihn fliegen? Hat er denn keinen Spiegel zu Hause?“ Sie müssen wissen, J. ist weit jenseits der Sechzig und wäre keine schlechte Besetzung für den Riff Raff in der Rocky Horror Show. Aber – und da stimme ich F. zu – er tut, als wäre er ein junger Adonis. „Das liegt den Männern in den Genen“, vermutete ich. F., an Jahren und Erfahrung weit reicher als ich, verstand.

Mein lieber Freund K. ist glücklich liiert. Sehr glücklich sogar. Trotzdem flirtete er bei meiner Geburtstagsparty ziemlich auffällig mit einer meiner Freundinnen. Er flirtet um des Flirtens willen. Er hat auch schon mit mir geflirtet. Das gehört zu seinem Naturell und ist nicht weiter tragisch. In dieser Hinsicht ähnelt er meinem lieben Mann. Wenn der eine schöne Frau sieht, bleibt ihm der Mund offen. „Das schadet seiner Schönheit ein wenig“, fand meine Mutter bereits vor Jahren.

Gestern war ich mit einem jungen Pärchen zusammen, das eigentlich frisch verliebt ist. Der junge Mann war aufmerksam und liebevoll zu seiner neuen Freundin. Doch dann bemerkte ich seine Blicke zu der Blondine am Nachbartisch. Innerhalb einer halben Stunde zählte ich sieben solcher. Manche waren auffälliger und von einem verstohlenen Lächeln begleitet, manche waren schnell und diskret. Seiner Freundin sind sie alle nicht aufgefallen. Mir schon. Und der Blondine am Nachbartisch auch.

Der Gerechtigkeit willen sei erwähnt, dass ich gar nicht so wenige Frauen kenne, die auf jeden auch nur halbwegs passablen Vertreter des männlichen Geschlechts ähnlich reagieren. Gleichgültig, ob der eigene Partner/Ehemann daneben sitzt oder nicht. Gibt es Menschen, die ein „Flirt-Gen“ in sich tragen? Sind sie von sich und ihrer Wirkung auf das andere Geschlecht so überzeugt wie sie tun? Oder kaschieren sie damit nur ein mangelndes Selbstbewusstsein, das immer wieder die Bestätigung, die Anerkennung braucht? Sind sie Egoisten, die nicht darüber nachdenken, ob der eigene Partner/die eigene Partnerin mit diesem Verhalten adäquat umgehen kann bzw. will? Oder sind sie einfach nur „Menschenfreunde“, die in jeder Begegnung das Schöne, Aufregende, mitunter Prickelnde sehen? Was immer es ist, der Grat zwischen Amüsement und Peinlichkeit ist auch beim Betrachter ein schmaler.

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