Hannas Lauschangriff
Klatsch und Tratsch sind ein Teil unseres Gesell-schaftslebens. Im Handyzeitalter bekommt man oft Dinge zu Ohren, die man gar nicht wissen will. Ein junger Mann, vermutlich noch keine zwanzig, zückt sein Handy. Er wirkt verzweifelt. Anna hat ihn betrogen, mit seinem besten Freund hat sie geschlafen, vergangenes Wochenende ist es passiert, auf einer Party, ja, betrunken waren sie alle, das Übliche halt. Für den jungen Mann ist eine Welt zusammengebrochen – und das muss er unbedingt erzählen. Außerdem will er von seinem Gesprächspartner wissen, ob sie ihn noch liebt. Nein, er hat mit ihr seither nicht gesprochen. Sie hat seine Anrufe nicht beantwortet und auf seine SMS hat sie auch nicht reagiert. Heute Abend will er sich betrinken. Er muss sich ablenken um nicht durchzudrehen. Beinahe eine Viertelstunde dauert das Gespräch. Und alle hören mit.
Ich sitze im Zug, der voll ist mit Pendlern, die alle heimfahren – so wie ich. Der junge Mann tut mir leid, aber ich kann ihm nicht einmal Ratschläge erteilen. MIR hat er die Geschichte ja nicht erzählt. Mitten in meine Gedanken über die untreue Anna klingelt ein Handy. Eine Frau in den besten Jahren kramt in ihrer Handtasche. Sie begrüßt eine Sylvia. Mit der kommt sie auch gleich zur Sache. Werner war gestern wieder betrunken. Und dann schäkert er immer mit Gerda, dieser Schlange. Was er an der überhaupt findet, fett wie die in letzter Zeit geworden ist! Und dann muss er diesen Trampel auch noch immer einladen, dabei reicht das Haushaltsgeld vorne und hinten nicht. „Ich sollte Werner hinauswerfen. Der ist ja noch schlimmer als mein Ex“, erzählt sie Sylvia in einer Lautstärke, die ein Weghören unmöglich macht. Ja, natürlich wäre Hans besser gewesen, geht es weiter, aber der gibt halt optisch überhaupt nichts her. Und außerdem hat er ein Auge auf Renate, die aber ihrerseits nichts wissen will von ihm. Dann wird noch ausführlich über einen Andy geschimpft, von dem ich nicht herausfinden kann, wer das ist und in welcher Beziehung er zu einer der beiden Damen steht. Die Verabschiedung erfolgt ziemlich plötzlich. Offenbar ist bei Sylvia jemand heimgekommen, dem dann auch noch Grüße nachgesäuselt werden.
Endlich Ruhe! Zumindest beinahe. Im hinteren Teil des Waggons erzählt ein Mann – offenbar Profi auf dem Gebiet – wie er seinen alten Audi wieder auf Vordermann gebracht hat. Ich vernehme nur Wortfetzen. Toll, vielleicht sollte ich aufstehen und mir seine Nummer geben lassen. Mein fahrbarer Untersatz hat auch schon etliche Jährchen auf dem Buckel. Ich verwerfe den Gedanken; ich kann mich ja nicht in fremde Telefongespräche einmischen. Das gehört sich nun wirklich nicht!
Dann ein bekannter Klingelton. Ich fische in meiner Hosentasche und sehe auf dem Display, dass mein Mann mich zu sprechen begehrt. Fast schuldbewusst nehme ich das Gespräch an: „Ja, ich bin schon fast bei dir. Ja, wir reden nachher. Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Bis gleich!“ Eine junge Frau, die mir gegenüber sitzt, lächelt mich verschwörerisch an: „Ich hab meins im Zug immer ausgeschaltet.“














