Leonardo - Der zu früh Geborene
Leonardo da Vinci war Maler, Bildhauer, Architekt, Musiker, Mechaniker, Ingenieur, Naturphilosoph und Erfinder. Er wird nicht ohne Grund als das italienische Universalgenie bezeichnet. Seine Talente wurden früh erkannt und gefördert. Zirka sieben Jahre lernte Leonardo im Atelier von Andrea del Verrocchio das Modellieren und Malen. Aber Leonardo interessierte sich noch für vieles mehr. Ihm war es nicht wichtig den Prunk der Zeit (also des Adels) wieder zu geben. Er blickte unter die Oberfläche und versuchte Ursache und Wirkung zu erforschen. Er war ein Schüler der Natur. Eines seiner überlieferten Zitate macht es deutlich: „Keine Wirkung in der Natur ist ohne Ursache, wenn du die Ursache begreifst, brauchst du kein Experiment.“ Hingegen allen Behauptungen kann man sehr wohl die Liebe zu den Geistes- wie auch Naturwissenschaften haben. Das haben neben Leonardo auch Albrecht Dürer und Wolfgang Goethe gezeigt.
Diese nur scheinbar widerspruchsvollen Begabungen bilden eine geschlossene Einheit von höchster Vollendung, ja sie sind in Wahrheit die Voraussetzung seiner überragenden Größe. Denn nur durch diese beiden Interessensgebiete konnte er dieser außergewöhnliche Maler sein. Seine Beleuchtung, seine Formbehandlung und seine Farben sind andere, als man sie je zuvor gesehen hat – und auch selten danach. Nichts Hartes, kein mehr oder weniger zufälliges buntes Neben- und Durcheinander fand sich in seinen Bildern. Als Entdecker der Luftperspektive verstand er es, Landschaften zart zu tönen und alles in seinen Bildern harmonisch zu verschmelzen. Heinrich Wölfflin sagte folgendes: „Eigenschaften, die sich auszuschließen scheinen, sind bei ihm vereinigt. Er empfindet den malerischen Reiz der Oberfläche aller Dinge und denkt dabei als Physiker und Anatom; ihm war das unermüdliche Beobachten und Sammeln des Forschers eigen und die subtilste künstlerische Empfindsamkeit.”
So ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass er als Erster mit Schatten und Licht in der Malerei experimentierte, ebenso mit geometrischen Formen, dem menschlichen Körper - inklusive der Gestik und Mimik und vielem mehr. Auf Wikipedia wird es wie folgt erklärt: „Die Gesetze von Licht und Schatten, die Gesetze der Perspektive einschließlich der Optik und der Physiologie des Auges, die Gesetze der menschlichen und tierischen Anatomie und der Muskelbewegung, diejenigen des Wachstums und der Struktur von Pflanzen und der Eigenschaften des Wassers, all dieses und noch mehr verschaffte seinem unersättlichen Forschungsgeist fast von Beginn an Nahrung.“ Diesem Forscherdrang ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass er zu dem unvergesslichen, beeindruckenden Genie wurde, das er war. Man nennt ihn auch „der zu früh Geborene“. Er machte Erfindungen, die seiner Zeit weit voraus waren und erst sehr viel später wieder entdeckt wurden. Dass er auch ein großer Denker und Philosoph war, erscheint naheliegend. Deutlich wird das durch folgende von ihm verfasste Zeilen: „Wie viele Kaiser und Fürsten haben gelebt, von denen es keine Kunde mehr gibt, und doch suchten sie Länder und Schätze nur deshalb zu erwerben, um ihren Ruhm zu sichern. Wie viele lebten in größter Armut, um Tugenden zu erlangen! Siehst du nicht ein, dass Besitz an sich nicht so zum Nachruhm verhilft wie die Wissenschaft, die stets beredtes Zeugnis für den Charakter ablegt; denn das Wissen ist das rechtmäßige Kind desjenigen, der es erzeugt, und nicht das illegitime wie das Geld!“ Leonardo war auch nie lange an einem Ort. Mal war er in Florenz, dann in Mailand, machte dazwischen eine Reise in den Osten und war unter anderem auch beim Papst in Rom. Hier möchte ich beginnen, über ihn und die Kirche zu philosophieren bzw. zu spekulieren. Ganz eindeutig ist seine Beziehung aber nicht auszumachen. Als ihm jedoch Ungläubigkeit vorgeworfen wurde, schrieb er: „Wir aber wollen diesen Anklägern bedeuten, dass wir nur beim Studium den Schöpfer aller Herrlichkeiten wahrhaft kennen und lieben lernen können. Denn große Liebe entsteht einzig und allein aus der Erkenntnis der Dinge, ohne diese ist wahre Liebe unmöglich! Wer aber nur liebt um der Vorteile willen, der ist nicht mehr wert als ein Hund, der demjenigen freudig wedelnd entgegenspringt, der ihm einen Knochen gibt.“
Dass er die Bibel studiert hat, erkennt man vor allem an seinen Werken. Für ihn war sie die Grundlage, um all die christlichen Werke zu schaffen. Beim Papst selbst war er nicht sonderlich beliebt. Wir wissen aus der Geschichte, dass die Kirche im Mittelalter eine sehr wichtige Rolle innehatte. Sie bestimmte was recht und was schlecht war. Niemand durfte die Kirche in Frage stellen. Viele, die es wagten, bezahlten mit ihrem Leben. So war es zum Beispiel undenkbar, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sein sollte. In Leonardos Schriften ist jedoch zu finden: „Die Sonne bewegt sich nicht!“
Abgesehen davon, dass er dies lange vor Galilei und Kepler wusste, wusste er auch, dass er dieses Wissen nicht willkürlikch weiterreichen sollte - was wiederum Größe gezeigt hat. Er war sein Leben lang einsam und unverstanden. Er lernte damit zu leben, dass seine Zeitgenossen so vieles noch nicht verstanden.
Aber kommen wir zu seinem Werk „Das letzte Abendmahl“. Hektor Preconi schrieb darüber: „Lionardos Christus ist das Glaubensbekenntnis eines tiefsinnigen Weisen. Zeitgenossen des Meisters haben berichtet, daß er jedesmal mit Zittern und Zagen ans Werk ging, wenn er am Haupte des Herrn malen wollte, und die ältere italienische Kunstgeschichte glaubte, daß der Kopf Christi unvollendet geblieben sei, weil Lionardo an der die Menschenkraft übersteigenden Aufgabe verzweifelt sei. Was von den Aposteln erhalten bleibt und von dem vielgepriesenen helldunkeln Zauberlichte, das einst den überirdischen schönen, aus klarsten Gedanken aufgebauten Raum des Bildes erfüllte, das sind nur noch die Elemente der Komposition, die man auf alten Stichen ebenso gut erkennen kann wie von dem Original. Es ist die dramatische Spannung, die den ungeheuren Vorgang anschaulich macht, die nie zuvor erstrebte und niemals wieder erreichte Kraft des Ausdrucks, durch scheue Weisheit gebändigt und verinnerlicht. Über das Spiel der zu vier Gruppen geballten Leiber, der Augen, die jeden Grad seelischer Erregung spiegeln, der Hände, die nach südländlichem Brauch mit rhetorischer Eindringlichkeit die Rede begleiten, ist viel geschrieben worden, das beste hat Lionardo selber über diesen tragischen Chor geschrieben, dessen ungeheurer Sturm in der göttliche Ruhe der Heilandsgestalt seine Beruhigung findet.“
Ich persönlich denke, dass Leonardo sich in seinem eigenen Bild verewigt hat (als Thaddäus), und zweitens, dass er auch in diesem Punkt seiner Zeit voraus war. Heute glauben viele Menschen an Gott, doch können sie sehr wenig mit dem Papst und seiner Kirche anfangen. Leonardo dürfte schon damals viele Machenschaften der katholischen Kirche durchschaut haben. So war er wohl ein gottesfürchtiger Mann, doch kein Freund der Kirche. Er suchte und fand Gott in der Natur.















